RLW #29: Medienfreiheit, Spitzentechnologie aus Neurussland, Kriegsspielzeug

Heute ist der 7. Dezember 2015, und das ist „Russland letzte Woche“. Die Themen diesmal: ein dubioser Medieninvestor, lebensmüde Tüftler aus Noworossija und Panzer aus Plastik – as seen on TV.


In diesem Jahr hat die russische Medienbranche mehrere zweifelhafte Übernahmen erlebt. Für eine von ihnen war Demjan Kudrjawzew verantwortlich. Bei „Meduza“ gibt es ein spannendes Portrait des Dichters, Medienmanagers und ehemaligen Putin-Speechwriters. In den letzten Monaten geriet der 43-Jährige in die Schlagzeilen, weil er mit dem Wirtschaftsblatt „Wedomosti“ eine der letzten unabhängigen Zeitungen des Landes aufkaufte – die „Wedomosti“ gehörte zu je einem Drittel der finnischen Sanoma Independent Media, Financial Times und Dow Jones, bis ein neues Gesetz den Anteil von ausländischem Kapital an russischen Medienunternehmen bei 20 Prozent deckelte – so zeigte die Duma auch der finnisch-britisch-amerikanischen Troika die Tür.

Dann trat Kudrjawzew auf den Plan und kaufte erst den Sanoma-Anteil, und dann doch den gesamten Laden. Natürlich beteuerte er, die Übernahme aus eigenem Kapital zu finanzieren. Das warf Fragen nach Hintermännern auf: Wie soll das gehen? Woher hat dieser has-been das Geld? Vor drei Jahren wurde der Protegé des verstorbenen Oligarchen Boris Beresowski nach einigen gewagten Aktionen (etwa: ein ungültiger Wahlzettel auf dem Cover von „Kommersant-Wlast“) als Chef der „Kommersant“-Holding rausgeworfen. Kudrjawzew landete auf sämtlichen schwarzen Listen des Kremls, seine Karriere schien vorbei.

Doch nun ist die Zeit der Ungnade offenbar vorüber, und wie Meduza durchgerechnet hat, könnte Kudrjawzew sogar die Wahrheit sagen, was die Übernahme von „Wedomosti“ anbetrifft – obwohl der Deal wohl nicht ohne stillschweigende Zustimmung des Kremls abgelaufen ist. Bereits vor fünfzehn Jahren wurde Kudrjawzew Dollar-Millionär, nachdem ihm der Verkauf seines Anteils an dem Internet-Provider CityLine fast drei Millionen Dollar einbrachte. Als Chef der Kommersant-Gruppe verdiente er etwa eine Million Dollar im Jahr. Dazu kamen einige erfolgreich eingefädelte Mediendeals mit Provision im 3-Millionen-Dollar-Bereich (immer dieses 3-Millionen-Ding!). Kudrjawzews Vermögen wird heute auf mehr als 20 Millionen Dollar geschätzt, die zehn Millionen Dollar für „Wedomosti“ hätte er sich locker leisten können – sechs davon hat offenbar doch sein Freund und Geschäftspartner Marty Pompadour übernommen (Ex-Chef von Rupert Murdochs News Corp. Central and Eastern Europe).

Was Kudrjawzew mit „Wedomosti“ vorhat, wie es mit dem vorzüglichen regierungskritischen Opinion-Teil weitergeht, und warum ein nicht allzu reicher Mann gerade jetzt in Russland investieren will – lauter offene Fragen. Vielleicht liegen die Apokalyptiker ja richtig: Kudrjawzew könnte die Vorhut der Übernahme von „Wedomosti“ durch regierungstreue Investoren sein.

Die „Volksrepublik Luhansk“ steht nicht nur für illegale Kohlegeschäfte mit Russland und undurchschaubare Fehden zwischen Separatistenkommandeuren. In Klein-Neurussland wird auch modernste Wissenschaft betrieben. „Modern“ bedeutet in diesem Fall YouTube-tauglich. Gemeint sind die Jungs von „Kreosan“, einer YouTube… ähm. Crew, die mit gefährlichen Experimenten von zweifelhaftem wissenschaftlichen Wert auf sich aufmerksam machte – wie Plasma-Herstellung mittels einer handelsüblichen Mikrowelle oder selbstgebastelten Raketen, angetrieben von Coca-Cola und Butangas.

Jetzt haben die Tüftler aus Luhansk ein disruptives Produkt vorgestellt: eine do-it-yourself–100-Kilowatt-Heizung. Die Konstruktion ist sensationell einfach: 3-Millimeter-Stahldraht. Die beiden Enden in die Steckdose. Die Apparatur beglückt den Bastler mit so viel Licht und Wärme wie ein großes Lagerfeuer – wenn man nicht am Stromschlag stirbt oder sein Haus abbrennt. Die Videopräsentation der 100-Kilowatt-Anlage ist wie immer sehenswert, allein schon wegen der charmanten ukrainisch gefärbten Mundart der Mythbusters von Noworossija.

Und das wissen wir auch noch seit dieser Woche: Moskaus Kriegsabenteuer schaffen Nachfrage nach Kriegsspielzeug. Suprise! Modellpanzer und -Flugzeuge verkaufen sich in Russland so gut wie nie, die Umsätze seien im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 20 Prozent gestiegen, schreibt Gazeta.ru. Beliebt seien nicht nur Modelle von modernen Panzern wie T–90 und Armata, sondern auch von fünfzig Jahre alten sowjetischen Fabrikaten wie T–64. Modernisierte Varianten dieses Panzers setzt die ukrainische Armee ein. Der Syrien-Einsatz habe die Nachfrage nach Modellen des Frontbombers Suchoi SU–24 und des Jagdbombers SU–34 in die Höhe getrieben.

Nun, uns bleibt nur zu hoffen, dass die Nachfrage nach Modellen von ICBM-Startrampen nicht steigt.


Danke für die Aufmerksamkeit!

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Bis nächste Woche!
Pavel Lokshin

RLW erscheint in Kooperation mit n-ost – Netzwerk für Osteuropaberichterstattung.